Mannheimer Morgen vom 20.07.2010

Sein Plan: Eine Imkerei im Sudan

Von unserem Redaktionsmitglied Corinna Merkel

Als Siddik Alim vor 14 Jahren in sein Auto stieg, um nach Hause zu fahren, lag ihm die Welt zu Füßen. Er hatte gerade an der Universität in Hannover promoviert, wollte seine eigene Tierarztpraxis eröffnen, den Mietvertrag hatte er gerade unterschrieben. Kurz darauf verlor Alim bei einem schweren Verkehrsunfall sein Augenlicht und das veränderte alles. Ein weiteres Studium und mehrere Umschulungen — als Blinder fand Alim nur schwer Jobs. Doch arbeiten wollte er unbedingt. “Ich wollte nicht nur daheim rumsitzen.” Heute ist Alim 56 Jahre alt und hat einen großen Plan: Er möchte in seinem Heimatland Sudan eine Imkerei gründen. Diese Idee ließ ihn lange Zeit nicht los, der Umsetzung ist er vor einigen Wochen ein großes Stück näher gekommen.

Königin unter den Tieren
Alim ist jetzt Mitglied des Mannheimer Bienenzüchtervereins und erlernt in einer der Jungimkergruppen den Umgang mit den stechenden Insekten. Die Biene ist in Alims Heimatland so etwas wie die Königin unter den Tieren. “Sie ist fast schon heilig.” Aufgewachsen ist Alim mit zwei Schwester und zwei Brüdern in einer kleinen Stadt in der Nähe von Khartum. Der Vater arbeitete als Landwirt, seine Mutter war Hausfrau. Wenn Alim als Kind Bauchschmerzen hatte, gab ihm die Mutter immer Honig zu essen. “Honig ist bei uns so etwas wie ein Allheilmittel.”

Der Biene schreiben die Sudanesen tugendhafte Eigenschaften wie Fleiß und Arbeitswille zu. Nachforschungen haben gezeigt, dass die Imkerei bereits vor 3000 Jahren im Sudan weit verbreitet war. “Doch von dieser Kultur ist heute kaum etwas übrig”, erzählt Alim. Diese Tradition möchte er in seinem Heimatland wieder aufleben lassen und hat sich dafür erst einmal beim Bienenzüchterverein angemeldet. “Wir hatten eigentlich keine Bedenken bei Siddik”, erzählt der erste Vorsitzende Wolfgang Blumtritt. Dass er blind sei, habe nie eine Rolle gespielt. “Er ist sehr selbstständig, kommt immer pünktlich und ihm macht die Arbeit mit den Bienen sichtlich viel Spaß.” Klar mussten die Vereinsmitglieder Alim am Anfang unter die Arme greifen, ihm beim Anziehen des Schutzanzuges helfen. “Aber das war ja selbstverständlich”, sagt Blumtritt.

Alim wohnt mit seiner Frau in Ludwigshafen. Dort steigt er jeden Donnerstag in die Straßenbahn ein und fährt bis zum Vereinsgelände nach Mannheim-Käfertal. Seine Freunde warten dann schon auf ihn, und wenn er mit seinem Blindenstock um die Ecke kommt, läuft ihm einer der Bienenzüchter entgegen, nimmt ihn am Arm und führt ihn über die Straße. Als Neuimker hat der Sudanese schon einiges gelernt: “Ich würde sogar sagen, dass mein Bienenvolk eines der Fleißigsten ist.” Weil Alim die Bienen nicht sehen kann, helfen ihm die Vereinskollegen hier und da bei der Pflege. “Theoretisch weiß ich alles über die Bienenzucht, nur das Praktische fehlt mir noch”. Doch da hat er schnell aufgeholt.

Mittlerweile hat Alim seinen ersten Honig schon geschleudert und sein Plan rückt immer näher. “Ich spare mein ganzes Geld für diese Idee zusammen.” Seine Brüder und Schwestern betreiben die Farm seiner Eltern. Zitronen, Orangen und Apfelsinen gibt es dort. Auf dem Hof möchte er dann seine Bienen züchten und eventuell anderen jungen Menschen die Imkerei lehren. “Wahrscheinlich werde ich der erste blinde Bienenzüchter in der Geschichte Sudans”, vermutet Alim.

Zur Person:

  • Siddik Alim kam 1954 im Sudan auf die Welt.
  • In seinem Heimatland absolvierte er sein Abitur und studierte an der Universität in Khartum Tiermedizin.
  • Alim ist seit 1991 verheiratet und hat eine Tochter, die im Moment im Sudan lebt.
  • 1994 kam Alim nach Deutschland und machte an der Universität in Hannover seinen Doktor.
  • 1996 verlor Alim bei einem Verkehrsunfall sein Augenlicht.
  • Sein Informatikstudium musste er abbrechen, weil es zu dieser Zeit noch keine Blindensoftware für höhere Mathematik gab.
  • Mit kleineren Bürojobs verdiente Alim seinen Lebensunterhalt, heute ist er Frührentner.
  • Im Sommer 2011 möchte Alim das erste Mal wieder in den Sudan. mek

WER HELFEN MÖCHTE
Wer Siddik Alim und sein Projekt unterstützen möchte, der kann sich unter Telefon 0621 / 441366 informieren.

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Bienenzüchterverein: Siddik Alim möchte eine Bienenzucht in seinem Heimatland aufbauen

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